Während USA weiterhin vom Russland-Handel profitieren, schießt sich Europa selbst ins Knie
Wegen angeblicher Erfolgsaussichten der antirussischen Sanktionen nimmt die EU offensichtlich eine gefährliche Wirtschaftskrise in Kauf. Die USA hingegen profitieren weiterhin vom Handel mit Russland.
Von Alex Männer
Im Zuge der Konfrontation mit Russland haben die meisten Mitglieder der Europäischen Union ihren Handel mit der russischen Seite bekanntermaßen weitgehend eingeschränkt und Moskau zudem mit Tausenden Sanktionen überzogen. Damit brachen die Europäer einen regelrechten Wirtschaftskrieg gegen die Russen vom Zaun, der aber offenkundig nicht nach Plan verläuft.
Es stellte sich nämlich relativ schnell heraus, dass die Strategie der EU, Russlands Volkswirtschaft durch Beschränkungen zu isolieren und so in den Ruin zu treiben, ein zweitschneidiges Schwert ist, da die antirussischen Wirtschafts- und Handelsrestriktionen ihren Urhebern selbst enorm schaden. So ist heute zu konstatieren, dass Deutschland, Frankreich und Co. in Wirklichkeit zu den großen Verlierern der Sanktionspolitik zählen.
EU erleidet finanzielle Einbußen
Dafür spricht etwa die europäische Energie- und Wirtschaftskrise, die aufgrund der Abkehr der EU von den billigen russischen Gaslieferungen und den daraus folgenden Problemen bei der europäischen Gasversorgung sowie der enorm gestiegenen Energiepreise für die Unternehmen und Verbraucher in Europa als direkte Folge der Konfrontation mit Russland zu betrachten ist. Schließlich waren die Gaspreise auf dem europäischen Gasmarkt im Jahr 2022 vor allem wegen der Reduzierung der russischen Importe in die Höhe geschnellt, während die EU zu dem Zeitpunkt keine andere Wahl hatte, als US-amerikanisches Flüssigerdgas zu extrem hohen Preisen auf dem Spotmarkt zu kaufen. Allein zwischen 2022 und 2024 sollen die Europäer laut Medienangaben deshalb etwa 185 Milliarden Euro mehr für Gasimporte ausgegeben haben als im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Demnach seien die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben für Gaslieferungen damals von knapp sechs Milliarden Euro auf geschätzt 15 Milliarden gestiegen.
Doch auch in diesem Jahr sind die europäischen Ausgaben für Gas aufgrund der rekordträchtigen Börsenpreise für Erdgas in Europa besonders hoch. Experten zufolge hat es seit Bestehen der europäischen Gasverteilungszentren noch nie so anhaltend hohe Preise wie in letzter Zeit gegeben. Ein Hauptgrund dafür ist der Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, in dessen Folge die Gaspreise massiv gestiegen waren und zwischenzeitlich sogar einen neuen Rekordwert von rund 854 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter erreichten. Aktuell haben die Preise wieder zugelegt und die Marke von 600 Dollar je 1.000 Kubikmeter überschritten. Und aufgrund der anhaltenden Kriegshandlungen im Persischen Golf und der Blockade der Straße von Hormus gibt es derzeit keine Hoffnung auf einen baldigen Rückgang der europäischen Gasbörsenpreise.
Vor diesem Hintergrund gelten die USA definitiv als der Hauptnutznießer in dem Konflikt zwischen der EU und Moskau, weil sie sich unter anderem die Kürzung der europäischen Gasimporte aus Russland zunutze machten und ihre LNG-Ausfuhren in die EU daraufhin massiv ausweiteten. Dadurch sind die Amerikaner rasch zum wichtigsten Gaslieferanten Europas aufgestiegen und generieren so bereits seit mehr als vier Jahren zusätzliche Exporteinnahmen in Höhe von Dutzenden Milliarden Dollar pro Jahr.
USA profitieren von Geschäften mit Russland
Zugleich halten die Vereinigten Staaten weiterhin an ihren Russland-Geschäften fest und profitieren davon immens. Etwa von den zahlreichen Importen russischer Düngermittel sowie Energieträger wie Uran und Plutonium, die in den vergangenen Jahren sogar gesteigert wurden. Vor allem die Uranlieferungen in die USA haben deutlich zulegt – trotz eines offiziellen US-Verbots für Uranimporte aus Russland. In diesem Zusammenhang werden die USA von der EU übrigens scharf kritisiert, weil sie von Europa stets einen Stopp der russischen Energielieferungen gefordert haben, selbst aber weiterhin Uran aus Russland beziehen. Washington erklärt diese Handelspolitik damit, dass die US-Atomkraft bei der Urananreicherung in hohem Maße von der Kooperation mit dem russischen Atomsektor abhänge, da man – technologisch bedingt – auf die Kernelemente aus russischer Produktion angewiesen sei. Deshalb habe man auch lange damit gezögert, russisches Uran auf die Sanktionsliste aufzunehmen, heißt es.
Man muss sagen, dass diese Kooperation heute sehr intensiv ist. Immerhin hatte Russland laut der Agentur Bloomberg die meisten Uranlieferungen in die USA 2024 bewerkstelligt und damit Frankreich als den größten Uranlieferanten Washingtons abgelöst. Nach Angaben der Agentur Interfax könnten die russischen Uranlieferungen in die USA 2025 im Vergleich zum Vorjahr sogar noch deutlich zugelegt haben – schätzungsweise um etwa 50 Prozent beziehungsweis um 400 Millionen Dollar. Demnach kauften die USA im vergangenen Jahr russisches Uran für insgesamt fast 1,2 Milliarden Dollar, womit Russland zwar einen Anteil von etwa 25 Prozent an US-Importen einnimmt, allerdings nicht mehr an erster Stelle der Exporteure kommt. Wie dem auch sei, diese Zusammenarbeit ist offenbar noch lange nicht am Ende ist und dürfte vermutlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte fortgeführt werden.
Abgesehen davon sind Hunderte Unternehmen und Händler aus den USA weiterhin auf dem russischen Markt aktiv. Und ungeachtet der politischen Spannungen fühlen diese sich dabei durchaus wohl, wie der Präsident der US-Handelskammer in Russland, Robert Agee, kürzlich in einem Interview mit russischen Medien erklärte. Ihm zufolge erfahren US-Händler, die in Russland heute tätig sind, keinerlei Diskriminierung, obwohl westliche Unternehmen von der russischen Seite als „unfreundliche Jurisdiktion“ eingestuft werden. Stattdessen sollen US-amerikanische Geschäftsleute in der Regel sogar gute Beziehungen zu lokalen Wirtschaftsvertretern und zu der russischen Regierung pflegen – und dabei weiterhin prächtig verdienen.
Agee betonte, dass der russische Markt nach wie vor attraktiv, stabil und schnell wachsend sei. Darüber hinaus biete Russland hervorragende Perspektiven für die Entwicklung der Beziehungen zu den Nachbarländern in Zentral- und Mittelasien. Deshalb würden US-Unternehmen versuchen, ihre Produktion in Russland zu lokalisieren und neue Werke in dem Land aufzubauen.
Im Grunde zeigen die USA mit ihrer Handelspolitik in Bezug auf Russland, dass sie nicht vorhaben, ihre nationalen Wirtschaftsinteressen wegen irgendwelcher Sanktionen und anderen fragwürdigen Strategien aufs Spiel zu setzen – im Gegensatz zur rückgratlosen EU, die wegen angeblicher Erfolgsaussichten ihrer antirussischen Sanktionspolitik sogar eine gefährliche Wirtschaftskrise in Kauf nimmt.
Titelbild: Russische Matroschka-Puppen mit den Gesichtern von Wladimir Putin und Donald Trump –Photo von Jørgen Håland via Unsplash

