Ukraine opfert Tausende Soldaten in einer bereits verlorenen Schlacht
Um mehrere strategisch wichtige Ortschaften im Donbass und in der Region Charkow halten zu können, schickt die Kiewer Führung Tausende Soldaten in einen aus taktischer Sicht hoffnungslosen Kampf.
Von Alex Männer
Die seit Monaten andauernden Kämpfe um die Städte Krasnoarmeisk (ukrainisch: Pokrowsk) und Dimitrow (ukrainisch: Mirnograd) im Süden der Volksrepublik Donezk sowie die Stadt Kupjansk in der Region Charkow sind nach aktuellen Medieninformationen offenbar in ihre finale Phase übergegangen.
Denn entgegen aller Beteuerungen der Kiewer Führung, wonach die Lage an diesen Abschnitten der Front aus ukrainischer Sicht zwar schwierig, aber nicht kritisch sei, müssen westliche Medien und Militärexperten konstatieren, dass die russischen Streitkräfte bereits mehrere Tausend ukrainischer Soldaten in Krasnoarmeisk und Kupjansk eingekesselt und diese Städte größtenteils eingenommen haben. Außerdem würden die Russen zunehmend die Kontrolle über die Ortschaften bei Dimitrow übernehmen, wo die Situation der Ukrainer ebenfalls äußerst gravierend sei, heißt es.
Die russische Führung dagegen hatte schon vor zwei Wochen erklärt, dass Krasnoarmeisk und Kupjansk von den russischen Truppen umzingelt worden seien. Man schätzte die Zahl der in beiden Städten eingekesselten ukrainischen Soldaten damals auf mehr als 10.000 ein und bot ihnen eine ehrenhafte Kapitulation an.
Heute verschlechtert sich die Lage für die ukrainischen Truppen rapide. Das russische Militär, das nach wie vor auf eine langfristige Strategie der Zermürbung setzt, rechnet damit, Kupjansk, einen großen Logistik-Knotenpunkt im nordöstlichen Abschnitt der Front, in den kommenden zwei Wochen vollständig unter seine Kontrolle zu bringen. Deshalb hätten die ukrainischen Soldaten keine andere Möglichkeit, als sich freiwillig den russischen Einheiten zu ergeben, betont man in Moskau.
Auch Krasnoarmeisk steht allem Anschein nach kurz vor der endgültigen Übernahme durch Russland. Sollte es dazu kommen, dann werden höchstwahrscheinlich auch die ukrainischen Einheiten in Dimitrov von der Versorgung abgeschnitten. Allerdings ist die dortige Versorgungslage für die Ukrainer ohnehin kritisch, weil alle Wege und Strassen von russischen Kampfdrohnen und Artillerie kontrolliert werden. Aus diesem Grund sind die Truppenverlegung und der Munitionsnachschub in diesem Gebiet – wenn überhaupt – nur unter (schweren) Verlusten möglich.
Angesichts dessen sollen sich bereits Hunderte Ukrainer bei Krasnoarmeisk den Russen ergeben haben. Andere ukrainische Soldaten unternahmen dagegen Ausbruchsversuche, die jedoch alle vom Gegner vereitelt wurden. Dabei haben die Truppen eigentlich keinen Befehl von ihrem Oberkommando zum Verlassen dieser Städte erhalten. Schließlich ist ein Rückzug für die politische Führung der Ukraine keine Option, da er eine propagandistische Katastrophe bedeutet.
Ukrainische Strategie des „Fleischwolfs“
Damit bleibt dem ukrainischen Generalstab unter Führung von General Alexander Syrskij nur die Möglichkeit, weitere Angriffe durchzuführen, um die Verbindung zu den abgeschnittenen Einheiten wiederherzustellen. Wie aber bereits angemerkt wurde, sind (verdeckte) Truppenbewegungen aufgrund des hohen Aufkommens an russischen Drohnen in den umkämpften Gebieten derzeit praktisch unmöglich. Somit auch die Konzentration großer Truppen für eine Gegenoffensive an diesen recht schmalen Frontabschnitten.
Dennoch schickt die ukrainische Militärführung weiterhin Tausende Soldaten in einen hoffnungslosen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner und erleidet so extrem hohe Verluste. Wobei gerade die hohen Personalverluste unlängst zum „Markenzeichen“ der absurden Militärstrategie ukrainischer Generäle geworden sind. Ihre extrem verlustreiche Vorgehensweise wird unter anderem als „Fleischwolf“ bezeichnet und zielt darauf ab, eine Position oder eine Ortschaft um jeden Preis zu halten, auch wenn das aus taktischer Sicht keinen Sinn macht. Im Grunde werden auf diese Weise unzählige Soldaten in bereits verlorenen Schlachten geopfert, nur um etwas Zeit zu gewinnen oder den Gegner zu zermürben.
Am deutlichsten zeigten dies die Kämpfe um die Donbass-Städte Artjomowsk (ukrainisch: Bakhmut), Awdeewka und Tschassow Jar. In Artjomowsk befanden sich die Ukrainer – nach monatelangen Kampfhandlungen und aufgrund von schweren Verlusten – Anfang 2023 in einer ausweglosen Lage, erhielten aber während der ganzen Zeit Munitionsnachschub und personelle Verstärkung. Sodass die Stadt noch bis Mai gehalten werden konnte, obwohl die taktische Zweckmäßigkeit ihrer Verteidigung zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr gegeben war. Dies hatte den Tod von zigtausenden ukrainischen Militärs zu Folge.
Das Gleiche wiederholte sich in Awdeewka im Februar 2024. Dort hatte das ukrainische Oberkommando ebenfalls mit dem Rückzug seiner Soldaten gezögert, obwohl sich diese nach einem russischen Überraschungsangriff bereits am Rande einer Niederlage befanden. Was schließlich zu hohen Verlusten auf der ukrainischen Seite führte.
Auch die strategisch wichtige Stadt Tschassow Jar, die auf einer Anhöhe liegt und für die ukranische Verteidigung im Donbass daher von großer Bedeutung war, wurde im Sommer 2025 trotz extrem hoher Verluste bis zuletzt verteidigt. Laut russischen Angaben soll die ukrainische Armee allein in den letzten Wochen der Kämpfe um Tschassow Jar mehr als 7.000 Soldaten verloren haben.
Für die ukrainische Armee waren das zweifelsohne Tragödien. Nun droht ihren Soldaten in Krasnoarmeisk, Dimitrow und Kupjansk das gleiche Schicksal. Sollte es Kiew nicht gelingen, die Lage zu stabilisieren und die Kontrolle über mehrere strategisch wichtige Ortschaften wiederherzustellen, werden die russischen Streitkräfte die besagten Städte schon bald vollständig einnehmen.
Zudem werden die Russen die Initiative behalten und mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin methodisch vorgehen, um eine ukrainische Verteidigungsstellung nach der anderen auszuschalten. Bis die nächste Phase des Konflikts erreicht ist: Der Kampf um die Agglomeration Slawjansk-Kramatorsk, die als die letzte ukrainische Hochburg in der Donezker Volksrepublik gilt. Diese Schlacht dürfte am Ende nicht nur über das Schicksal der Kiewer Truppen im Donbass entscheiden, sondern auch über den gesamten Kriegsverlauf.
Titelbild: Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Alexander Syrskij (links), und Staatschef Wladimir Selenskij zu Besuch bei ukrainischen Einheiten im Donbass, 4. November 2025 © Präsidialamt der Ukraine via SvenSimon/picture alliance

