Ukraine erlaubt Wehrdienst für Bürger über 60 Jahre
Eine Regeländerung bei der Rekrutierung in der Ukraine erlaubt es, dass ukrainische Männer und Frauen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, auf Vertragsbasis in der Armee dienen dürfen.
Von Alex Männer
Die seit mehr als drei Jahren dauernden Kampfhandlungen zwischen der Ukraine und Russland resultieren vor allem in erheblichen Personalverlusten der ukrainischen Streitkräfte. Diese verspüren unlängst einen Mangel an Rekruten, was die Kampfkraft der Truppe beeinträchtigt und somit die Erfolgsaussichten im Krieg schmälert.
Ein Hauptproblem der ukrainischen Armee angesichts des hohen Bedarfs an Personal ist das unzureichende Mobilisierungspotential. Diesbezüglich konstatiert man sowohl in der Ukraine als auch im Ausland, dass das Ergebnis der Mobilmachung und die Anzahl von Soldaten nicht ausreichen, um an der Front den gewünschten Erfolg zu bringen.
In der Tat spricht bereits vieles dafür, dass die Möglichkeiten der Mobilmachung in der Ukraine zumindest zum heutigen Zeitpunkt vollständig ausgeschöpft wurden. Denn obwohl das Reservoir aus wehrdienstfähigen Ukrainern ursprünglich auf fünf Millionen geschätzt wurde, die gesamten Verluste offiziell aber „nur“ etwa zehn bis zwanzig Prozent dieser Zahl ausmachen und es demnach theoretisch noch mindestens drei Millionen Mann in der Reserve gibt, herrscht dennoch ein akuter Mangel an Personal.
Aus diesem Grund unternahm die ukrainische Regierung bereits vor Monten einen weiteren fragwürdigen Vorstoß in puncto Mobilmachung und stellte dabei in Aussicht, die Einberufung von Männern im Alter über 60 Jahren auf Vertragsbasis zu erlauben. Seit Kurzem ist dies auch möglich: Das ukrainische Parlament verabschiedete am vergangenen Mittwoch ein Gesetz über die Möglichkeit des Vertragsdienstes für Bürger, die das 60. Lebensjahr vollendet haben. Laut neuen Regeln können Männer und Frauen, die dienen wollen und dazu in der Lage sind, neue Dienstverträge abzuschließen. Dazu sind die Zustimmung einer militärärztlichen Kommission und die schriftliche Zustimmung des Kommandanten der Einheit erforderlich. Eine Altersbegrenzung für den Dienst dieser Personen sieht das neue Gesetz nicht vor.
Bereits Ende 2023 wurden in der Ukraine bestimmte Altersbeschränkungen für die Einberufung aufgehoben – seitdem werden Männer im Alter von 25 bis 60 Jahren mobilisiert. Nicht ausgenommen davon sind auch viele Frauen, die im Bereich Medizin und Krankenhauswesen beschäftigt sind und seit Langem als wehrdienstpflichtig gelten.
Logischerweise hat die Einberufung von älteren Rekruten dazu geführt, dass die ukrainischen Soldaten im Durchschnitt mittlerweile deutlich älter sind als noch am Anfang des Konflikts. Nach diversen Medienangaben liegt das Durchschnittsalter der Soldaten bei über 40 Jahren. Einige ukranische Menschenrechtsaktivisten gehen sogar davon aus, dass das Durchschnittsalter eines Soldaten der ukrainischen Armee bereits bei über 45 Jahren liegt. 2022 waren es noch etwa 30 Jahre.
Wobei das auch problematisch ist, weil es es der ukrainischen Armee inzwischen nicht nur am erfahrenen und qualifizierten Personal fehlt, sondern auch an jungen und gesunden Rekruten, die die Entbehrungen des Krieges besser ertragen als die „alten Männer“. So beklagen ukrainische Offiziere etwa den schlechten körperlichen Zustand der 50-jährigen Rekruten. Diese hätten eine unzureichende körperliche Fitness sowie chronische Krankheiten, was sich auf dem Schlachtfeld bemerkbar mache.
Dies ist im Übrigen ein wichtiger Faktor, der im Ukraine-Krieg heute eine zentrale Rolle spielt: Der Soldat selbst und der Grad seiner Motivation und physischen Möglichkeiten, eventuell bis zum Ende zu gehen. Dass sich die deutlich älteren Soldaten nicht gerade durch eine hohe Kampffähigkeit und Moral auszeichnen, ist allgemein bekannt. Daher ist nicht unbedingt zu erwarten, dass sich Rekruten, die älter als 60 sind, in der jetzigen Krisenlage an der Front die nötige Abhilfe schaffen können.
Insofern ist das Alter der Soldaten nur ein weiteres Problem, das sich negativ sowohl auf die Kampfkraft als auch auf die Moral der Truppe auswirkt. Grundsätzlich ist hervorzuheben, dass auch der Kampfgeist der Ukrainer unlängst sinkt, und das aus mehreren Gründen: Da wären die gescheiterten ukranischen Offensiven, der Mangel an Ausrüstung und Munition, enorme Verluste oder die Unfähigkeit, den Verlauf des Konflikts umzukehren.
Titelbild (Archiv): Rekruten der ukrainischen Streitkräfte @ Neil Hall/EPA

