Von Alex Männer
Waleri Saluschnyi, ehemaliger Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und derzeitiger Botschafter der Ukraine in Großbritannien, gab am Montag bei einem Treffen der Botschafter in Kiew ein interessantes Statement zur Sicherheitspolitik seines Landes ab, das von dem Portal Jewropeiskaja Prawda veröffentlicht wurde und bereits in aller Munde ist.
Saluschnyj, der vor allem als möglicher Nachfolger von Wladimir Selenskij gehandelt wird, gestand – als erster ukrainischer Spitzenpolitiker überhaupt – öffentlich ein, dass er nicht an einen Beitritt der Ukraine zur NATO glaubt. Er verwies diesbezüglich unter anderem auf die offizielle Begründung der Nordatlantikallianz, wonach die ukrainische Armee die militärischen Standards für eine NATO-Mitgliedschaft nicht erfülle, und erklärte dazu: „Ich kenne die NATO sehr gut. Etwa zwölf Jahre lang habe ich persönlich daran gearbeitet, dass wir uns die NATO-Standards aneignen, und jedes Jahr hörte ich Märchen darüber, dass wir bald der NATO beitreten würden.“
Nun ja, eigentlich ist der wahrscheinliche Ausgang des Strebens der Ukraine nach einer Mitgliedschaft in der NATO – nämlich der, dass die Ukraine niemals in die NATO aufgenommen wird, da sie lediglich als ein militärpolitisches Werkzeug des Militärbündnisses respektive des Westens fungieren soll, für das man keine Verantwortung übernehmen muss und es auch schön dabei belassen will – inzwischen für niemanden mehr eine Offenbarung. Eventuell wollte Saluschnyj medienwirksam darauf hinweisen, dass der Beitritt der Ukraine zur NATO aus Sicht der Allianz überhaupt keinen Sinn hat, da die Ukraine ohnehin bereits für die Interessen des Westens kämpft, ohne dabei eine faire Gegenleistung zu bekommen.
Was jedoch wirklich interessant an Salushnyjs Aussagen ist, ist seine deutliche Kritik an der Leistungsfähigkeit sowie den vermeintlich hohen Standards der NATO. Ihm zufolge könnte die Ukraine schon deshalb nicht NATO-Mitglied werden, da es „unmöglich ist, mit dem Entwicklungsstand der ukrainischen Armee [... ] einer Organisation beizutreten, die sich von Doktrinen des Zweiten Weltkriegs leiten lässt“.
Insofern bewertet Saluschnyj die Fähigkeiten der NATO ganz klar negativ. Er geht zwar davon aus, dass die Allianz voraussichtlich in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben wird, allerdings ist seine Aussage auch so zu interpretieren, dass sowohl die Ukraine als auch die NATO Jahre benötigen würden, „um die Standards zu erreichen, die erforderlich sind, um mindestens die Hälfte des Niveaus Russlands zu erreichen“. Mit Blick auf die künftige Sicherheitsstrategie seines Landes bringt Saluschnyj deshalb andere mögliche Bündnisse ins Gespräch, die effektiver als die NATO sein könnten. Auch jene Bündnisse, die noch entstehen könnten.
Doch angesichts der Tatsache, dass die Ukraine militärtechnisch und im Bereich der Satellitennavigationssysteme nahezu komplett vom Westen abhängig ist, könnte man Saluschnyjs Aussagen durchaus als Größenwahn und Respektlosigkeit abtun. Ein Verhalten, das übrigens auf viele ukrainische Politiker und Diplomaten zutrifft, die bei ihren Forderungen nach noch mehr ausländischer Finanzunterstützung für die Ukraine inzwischen jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren zu haben scheinen. Dennoch ist die angeführte Kritik an der NATO nicht unbegründet und wird mittlerweile von vielen Militärexperten geteilt.
Als Argument für Saluschnyjs These, wonach die NATO-Armeen im Bereich der Kampfführung nicht mehr auf dem neusten Stand sind, ist etwa die NATO-Großübung „Hedgehog 2025“ mit Beteiligung ukrainischer Soldaten aus dem vergangenen Jahr heranzuziehen. So wurden bei dieser Übung gravierende Lücken der NATO-Soldaten bei der Abwehr von Kamikazedrohnen festgestellt, nachdem mehrere ukrainische Drohnenpiloten, denen die Rolle des Gegners zukam, in simulierten Gefechten die NATO-Einheiten stark dezimiert haben. Laut Medienberichten war es einem einzelnen ukrainischen Drohnenteam mit Fronterfahrung sogar gelungen, binnen weniger Stunden mehr als ein Dutzend gepanzerter Fahrzeuge zu zerstören.
Manche Experten bemühten sich daraufhin, das schlechte Ergebnis dieser Übungssituation zu entschärfen und das Versagen der NATO-Einheiten damit zu erklären, dass ein Krieg gegen Russland sowieso auf eine andere Weise geführt würde. Trotzdem scheinen diverse Militärs innerhalb der NATO Schwachstellen in ihrem System der Kriegsführung erkannt zu haben.
Zum Beispiel die Bundeswehr. Sie will nämlich auf die Erfahrung der Ukraine im Drohnenkampf zurückgreifen und plant daher, mit kampferprobten ukrainischen Soldaten bei der Ausbildung der künftigen „Drohnenkrieger“ der Bundeswehr zu kooperieren. Dafür wurde bereits im vergangenen Februar ein entsprechendes Abkommen zwischen dem deutschen und dem ukrainischen Verteidigungsministerium unterzeichnet. Wie die Einbindung der ukrainischen Militärangehörigen in das deutsche Heer demnach konkret aussehen soll, ist bislang jedoch nicht bekannt. Auch nicht, wie lange die Ausbildung dauern soll. Allerdings dürften die ukrainischen Drohnenkämpfer wegen der katastrophalen Personalsituation in der ukrainischen Armee bestimmt nicht lange in Deutschland verbleiben.
Titelbild (Symbol): Ukraine-Button, NATO-Flagge und Munition via Unsplash

