Von Alex Männer
Am vergangenen Montag wurde in der Ukraine der inzwischen 35. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung des Landes begangen. Diese Erklärung erfolgte am 24. August 1991 durch die Werchowna Rada der damaligen Ukrainischen SSR am Vorabend der Auflösung der Sowjetunion und legte so den Grundstein für einen souveränen ukrainischen Staat, der seine Entwicklung künftig selbst bestimmen sollte.
Anlässlich dieses Jubiläums haben mehrere Staats- und Regierungschefs aus Europa und anderen Teilen der Welt der ukrainischen Führung und den Ukrainern zum Unabhängigkeitstag gratuliert. Ob die Menschen in der Ukraine solche Gratulationen angesichts der katastrophalen Lage, in der sich ihr Land mittlerweile befindet, noch für angebracht halten, ist zu bezweifeln.
Denn die Ukraine scheint ihre sogenannte Unabhängigkeit längst verspielt zu haben. So führt sie bereits seit mehr als vier Jahren einen extrem verlustreichen Krieg für fremde Interessen, den sie nicht gewinnen kann, während sich ihr sozioökonomischer Niedergang zunehmend verschärft. Nicht zu vergessen ist, dass diesem Wahnsinn ein fast acht Jahre langer Bürgerkrieg im Donbass sowie Jahre der wirtschaftlichen Instabilität vorausgegangen waren, die der gewaltsame Regierungsumsturz in Kiew 2014 und die damit verbundene „prowestliche Ausrichtung“ der ukrainischen Politik herbeigeführt hatten.
Die Folgen für die Ukraine sind heute eine rapide Entvölkerung, mehr als eine Million gefallener Soldaten, Verlust von mehr als 25 Prozent des eigenen Territoriums, eine staatlich verordnete Verherrlichung von ukrainischen Nazi-Kollaborateuren, grassierende Armut und Korruption sowie eine im Zusammenbruch begriffene Wirtschaft, die nur noch durch Hilfszahlungen aus dem Ausland über Wasser gehalten wird.
Erfolgsversprechende Perspektiven 1991
Dabei standen die Zeichen zu Beginn der Unabhängigkeit durchaus gut und dementsprechend groß waren auch die Erwartungen der Menschen, dass die Zukunft der Ukraine friedlich und wirtschaftlich erfolgreich sein werden würde. Viele Ukrainer träumten damals etwa von einem noch nie dagewesen Aufschwung und einem „Leben wie im Westen“. Manche sprachen in diesem Zusammenhang sogar von einer „zweiten Schweiz“, weil die Ukraine künftig genauso wohlhabend sein könnte, so die Vorstellung, wie die Alpenrepublik.
Dies mag heute skurril wirken, allerdings muss man anmerken, dass die Ukrainer sich damals in einer recht guten ökonomischen Ausgangslage befanden, um eine positive Entwicklung anzustoßen: Die Ukraine war flächenmäßig das zweitgrößte Land Europas und verfügte unter anderem über schier unendliche Flächen der besonders fruchtbaren Schwarzerde, immense Eisenerz- und Kohlevorkommen, seltene Erden sowie andere Bodenschätze. Durch den Zugang zum Schwarzen Meer hatte man zudem die Möglichkeit, sowohl diese Ressourcen als auch die daraus erzeugten Produkte in die ganze Welt zu exportieren.
Der damals allgemein vorherrschende Optimismus im Land wurde zudem durch weitere Erfolgsaussichten gestärkt. Zum Beispiel begann die Ukraine ihren neuen historischen Abschnitt vollkommen schuldenfrei, weil Russland – als Rechtsnachfolger der UdSSR – die sowjetischen Zahlungsverpflichtungen in Höhe von 110 Milliarden US-Dollar übernahm. Darüber hinaus galt die Ukraine als die industriell am weitesten entwickelte Ex-Sowjetrepublik, die Tausende Betriebe in den Bereichen Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik oder Rüstung besaß und neben zivilen Industriegütern wie Passagier- und Transportflugzeuge, Schiffe oder Nutzfahrzeuge auch hochmoderne Kriegstechnik wie Panzer oder Raketen herstellen konnte.
Beispielloser Bevölkerungsrückgang
Doch das höchste „Gut“ der Ukraine sind zweifellos ihre Menschen. 1991 zählte die Ukraine laut der offiziellen Statistik der Vereinten Nationen mehr als 52 Millionen Einwohner. Im gleichen Jahr kamen im Land mehr als 600.000 Kinder zur Welt, wobei die Fertilitätsrate von 2,1 Geburten je Frau damals einem der besten Werte in Europa entsprach. Allerdings war die Sterblichkeit in der Umbruchphase der „Perestrojka“ angestiegen und lag schon Anfang der 1990er Jahre auf dem Niveau der Geburtenzahl.
Dennoch galt die demografische Situation in der Ukraine damals als stabil. Heute ist die Lage dagegen regelrecht desaströs, weil die ukrainische Bevölkerung in den vergangenen 35 Jahren stetig geschrumpft war und angesichts des Krieges gegen Russland sowie des sozioökonomischen Einbruchs der letzten Jahre sich zudem rasant verringerte. Eine genaue Bevölkerungszahl ist momentan zwar schwierig zu ermitteln, aber durch vorsichtige Schätzungen kommt man auf eine Zahl, die unter anderen sehr nah an den aktuellen Daten des Ministeriums für Sozialpolitik der Ukraine dran ist. Demnach beziffert der Sozialminister des Landes, Denis Uljutin, die ukrainische Bevölkerung auf dem von Kiew kontrollierten Territorium lediglich auf 22–25 Millionen – und damit auf weniger als die Hälfte der Bevölkerungszahl von 1991. Was mit den Bevölkerungsanzahlen aus den 1920er-Jahren oder der Zeit der Nazi-Besatzung vergleichbar und anders als eine demografische Katastrophe daher nicht zu bezeichnen ist.
Ursachen für diesen beispiellosen Bevölkerungsschwund gibt es mehrere: Durch den Verlust der Krim und großer Gebiete des Donbass 2014 verringerte sich die Bevölkerung der Ukraine um mindestens fünf Millionen Einwohner. Darüber hinaus haben mehr als zehn Millionen Ukrainer ihr Land in Folge der russischen Militärintervention 2022 verlassen – etwa fünf Millionen Richtung Russland und mehr als fünf Millionen in Richtung Europa, USA und Kanada. Diesbezüglich sind auch die ukrainischen Kriegsverluste zu nennen, die von Militärexperten auf 1,5 Millionen Soldaten geschätzt werden. Außerdem ist hervorzuheben, dass die Ukraine bereits lange vor dem Krieg als ein Land mit hoher Abwanderung galt. Je nach Schätzungen sollen allein in den ersten zwei Dekaden der Unabhängigkeit mehr als sechs Million Ukrainer aus ihrer Heimat ausgewandert sein.
Niedrige Geburtenzahlen und hohe Sterblichkeit
Diese Aspekte sind allerdings nur ein Teil einer bereits seit langer Zeit bestehenden und äußerst negativen Entwicklung innerhalb der ukrainischen Bevölkerung, weshalb die Ukraine heute immer tiefer ins demografische Loch fällt. Dabei war die Demografie der Ukraine in der Nachkriegszeit und in den darauffolgenden vier Jahrzehnten von einem starken Bevölkerungswachstum geprägt und erreichte mit rund 52 Millionen Einwohnern einen historischen Höchstwert. Erst in der unabhängigen Ukraine setzte ein rapider Bevölkerungsrückgang ein, der vor allem durch einen signifikanten Rückgang der Geburten und einen Anstieg der Sterbefälle verschärft wurde. Laut UN-Angaben ging die Zahl der Geburten bereits in den 1990er Jahren um mehr als ein Drittel zurück. Dagegen stiegen die Sterbefallzahlen deutlich an und waren um die Jahrtausendwende bereits um das Zweifache höher als die Zahl der Neugeborenen. Allein im Jahr 2000 lag diese Differenz bei etwa 370.000.
Diese Tendenz ist unter anderem durch die erste und bisher einzige Volkszählung der unabhängigen Ukraine zu belegen, die 2001 durchgeführt wurde. Dieser Zensus ergab eine Einwohnerzahl von 48,46 Millionen.
In den 2000er Jahren setzte sich die demografische Negativentwicklung fort. Lediglich eine kurze Phase ab 2009 weckte Hoffnungen, als die Geburten zunahmen und die Sterbefälle leicht zurückgingen, sodass der natürliche Rückgang der Bevölkerung sich in dieser Zeit etwas verlangsamte und im Durchschnitt jährlich „nur“ bei einem Minus von 130.000 lag.
Im Zuge des „Euromaidan“ 2014, als die Ukraine sich dem Westen zuwendete, kurz darauf die Krim verlor und danach obendrein in einen blutigen Bürgerkrieg im Osten des Landes hineinschlitterte, zeigte der demografische Trend allerdings wieder deutlich nach unten. Demzufolge wurde zwischen 2016 und 2021 eine weitere starke Abnahme der Geburtenzahl verzeichnet, die laut Schätzungen von etwa 390.000 pro Jahr auf 270.000 fiel. Gleichzeitig stieg die Sterblichkeit weiter an und erreichte 2021 einen Höchststand von 760.000 Todesfällen. In puncto Sterblichkeit war die Ukraine damit im weltweiten Vergleich schon damals bereits ganz vorne.
In den darauffolgenden vier Kriegsjahren sanken die Geburten noch weiter. Der stärkste Einbruch erfolgte 2022 nach einem Minus von 25 Prozent. Im vergangenen Jahr markierte die Geburtenzahl mit rund 169.000 den vorläufigen Negativrekord. Im Vergleich zum Vorkriegsjahr 2021 sind die Geburten somit um fast 40 Prozent zurückgegangen.
Dieser Abwärtstrend hält auch in diesem Jahr an. Nach ukrainischen Angaben sind im ersten Halbjahr 2026 nur rund 73.300 Kinder zur Welt gekommen, was weniger ist als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Es ist daher anzunehmen, dass die Geburtenziffer am Ende des Jahres auf einen neuen historischen Tiefststand fallen dürfte. Daneben bleibt die Sterblichkeit weiterhin auf einem hohen Niveau. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden rund 260.000 Todesfälle verzeichnet. Damit übersteigt die Zahl der Sterbefälle die der Geburten in der Ukraine mittlerweile um fast das Vierfache.
Unumkehrbare Dynamik?
Um diese Entwicklung umzukehren, bedarf es einer natürlichen Zunahme der Bevölkerung und dafür ist eine Fertilitätsrate von mehr als drei Kinder pro Frau notwendig. Dieser Wert ist angesichts der seit Jahrzehnten rückläufigen Geburtendynamik in der Ukraine jedoch kaum zu erreichen. Heute liegt die Geburtenrate bei nur 0,9 Kinder je Frau, womit sie im weltweiten Vergleich zu den niedrigsten zählt.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch die Analytiker des US-Geheimdienstes Secret Intelligence Service (CIA) in ihrem Demografie-Bericht 2024. Demnach lag die Ukraine bei der Geburtenrate mit nur sechs Geburten pro 1000 Menschen an 228. Stelle unter den 228 Ländern, die im Report aufgeführt sind.
Ein weiteres Problem ist die Altersstruktur der ukrainischen Bevölkerung, wo der Anteil der jüngeren Altersgruppen in der Vergangenheit beständig abgenommen hat und bei den 20- bis 25-Jährigen sowie den 25- bis 30-Jährigen mittlerweile erschreckend deutlich unter dem Niveau der anderen Altersgruppen liegt. Der Anteil der erstgenannten Altersgruppe etwa fiel seit 2021 sogar um mehr als die Hälfte, was vermutlich primär auf die Verluste im Krieg und den enormen Fluchtstrom ins Ausland zurückzuführen ist. Angaben des Statistikportals Population Pyramid zufolge machte der männliche Anteil der 20- bis 30-jährigen Ukrainer im Jahr 2023 nur 3,2 Prozent der Bevölkerung aus, der weibliche Anteil 2,6 Prozent. Das sind insgesamt gerade einmal 5,8 Prozent und damit bereits zu wenig, um einen positiven demografischen Wandel herbeizuführen.
Das ganze Ausmaß dieses Defizits zeigt sich besonders anhand eines Vergleichs der Ukraine mit etwa jenen europäischen Ländern, wo die demografische Situation ebenfalls als relativ schwach gilt. Zum Beispiel mit Deutschland und Russland, in denen der Anteil der besagten Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung mit insgesamt elf beziehungsweise zehn Prozent deutlich höher ist als in der Ukraine. Im Detail ist das sogar noch alarmierender: Verglichen mit Deutschland oder Russland ist der Anteil der 20- bis 25-jährigen Frauen in der Ukraine um das 2,5-Fache niedriger. Wer in diesem Land künftig also für einen Anstieg der Geburtenrate sorgen soll, ist mehr als fraglich.
Insofern ist davon auszugehen, dass die demografische Entwicklung der Ukraine angesichts der besagten Probleme sich noch weiter verschlimmern dürfte. So oder so fehlen diesem Krisenland aufgrund des demografischen Einbruchs schon heute Millionen von jungen Menschen, die bereit wären, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen. Nicht zu vergessen ist auch, dass ein Großteil der ukrainischen Geflüchteten Kinder sind, ohne die die Zukunft der Ukraine noch schwieriger erscheint.
Titelbild (Archiv): Ukrainische Kriegsflüchtlinge auf dem Bahnhof in Lwow © i-Images via ZUMA Press

