„Asymmetrische Kriegsführung“: Ukraine weitet Einsatz von Marinedrohnen aus
Der Einsatz von maritimen Kamikazedrohnen, deren Konstruktion den Minibooten von Drogenschmugglern aus Südamerika ähnelt, gilt als effektiv und ist Teil der asymmetrischen Kriegsführung Kiews.
Von Alex Männer
Der Krieg in der Ukraine hat wie jeder andere Krieg zuvor die Entwicklung im Rüstungsbereich immens beschleunigt und somit die Entstehung einer Vielzahl von neuen und noch tödlichen Waffen begünstigt. Hervorzuheben sind diesbezüglich die unzähligen Drohnensysteme, die inzwischen das Kampfgeschehen sowohl in der Luft als auch zu Lande und zu Wasser maßgeblich beeinflussen.
Daneben bestimmen die Drohnen, die noch vor wenigen Jahren gerade mal für die Aufklärung taugten, auch die heutige Kriegstaktik. Denn das hohe Aufkommen von Aufklärungs-, Kampf- und Kamikazedrohnen auf dem Schlachtfeld macht es für jede Armee der Welt heute nahezu unmöglich, große Truppenverbände vom Gegner unbemerkt für einen Angriff zu positionieren. Damit ist derzeit weder ein großer Überraschungsangriff noch eine verdeckte Truppenkonzentration möglich
Vor allem ist es aber die rasante Entwicklung, die die Drohne zu einer effektiven Kampfeinheit macht. Wobei diese Waffe in bestimmten Fällen sogar effizienter ist als deutlich teurere und technologisch anspruchsvollere Waffensysteme. Aus diesem Grund sind Militärs heute beispielsweise in der Lage, sogar durch den Einsatz von relativ billigen Drohnen es mit einem viel mächtigeren Gegner aufzunehmen.
Marinedrohnen werden immer wichtiger
Diese Tendenz ist heute unter anderem im Marine-Bereich zu beobachten, wo größtenteils unbemannte Sprengstoff-Miniboote beziehungsweise maritime Kamikazedrohnen quasi als preiswerte Alternative zu Torpedos eingesetzt werden und eine echte Gefahr für (große) Kriegsschiffe darstellen. Genau genommen können diese Drohnen nicht tauchen, weil das von der Konstruktion her viel zu aufwändig und teuer wäre. Sie ragen allerdings nur wenig aus dem Wasser, was ihnen erlaubt, unbemerkt von dem gegnerischen Radar zu operieren und ihr Ziel mit einer Geschwindigkeit von mehr als 70 Kilometer pro Stunde anzugreifen. Auf diese Weise hatte es die Ukraine – vor allem dank der finanziellen und militärtechnischen Unterstützung des Westens – bereits mehrfach geschafft, der russischen Schwarzmeerflotte schmerzvolle Treffer zuzufügen. Dabei mussten die Russen unter anderem sogar einige Schiffsversenkungen hinnehmen.
Inzwischen sind „ukrainische“ Marinedrohnen soweit entwickelt, dass sie sogar für Einsätze außerhalb der Schwarzmeerregion in Betracht gezogen werden. Dazu hatten Medien schon im Mai berichtet, dass Kiew Angriffe auf russische Schiffe im asiatisch-pazifischen Raum plant und dafür Seedrohnen verwenden könnte, die offenbar auf zivilen Schiffen in Frachtcontainern versteckt sind. Bislang seien diese Operationen jedoch nicht gestartet worden, heißt es.
Bei anderen Operationen haben die Ukrainer neben Sprengstoff-Booten auch die sogenannten Mehrzweck-Marinedrohnen im Einsatz. Diese Drohnensysteme wurden entwickelt, um Ziele an Land und auf See anzugreifen und sind eigentlich nicht für Kamikaze-Aktionen vorgesehen. Laut ukrainischen Angaben sind diese Drohnentypen vor Kurzem modernisiert worden, sodass sie eine größere Entfernungen zurücklegen und schwerere Sprengladungen tragen können und zudem über ein großkalibriges ferngesteuertes Maschinengewehr, Infrarot-gelenkte Raketen oder einen Mehrfachraketenwerfer verfügen. Außerdem können von solchen Marinedrohnen gewöhnliche FPV-Drohnen gestartet werden.
Und obwohl Marinedrohnen für die Ukraine nur eines der letzten ihr verbliebenen Kampfmittel für den Krieg auf See darstellen, sind sie dennoch ein wichtiger Teil der asymmetrischen Kriegsführung. Westlichen Experten zufolge soll diese Strategie die Entschlossenheit der Ukraine verdeutlichen, ihre Unterlegenheit auf See durch Technologie auszugleichen.
Gefahr für zivile Schiffahrt und Zivilisten?
Gleichzeitig bedeutet der massive Einsatz von Seedronen gegen Russland eine zunehmende Gefahr für die zivile Schifffahrt sowie die Zivilbevölkerung anderer Länder. Denn Angriffe mit Kamikazedrohnen auf maritime Infrastruktur und Schiffe stellen eine direkte Bedrohung für Zivilisten dar, die sich in der Nähe befinden.
So wurden beispielsweise vor der türkischen Schwarzmeerküste wiederholt unbemannte Miniboote entdeckt, die mit Sprengstoff beladen waren. Zuletzt Ende September bei Trabzon im Nordosten der Türkei. Das Portal Milliyet berichtete damals, dass Fischer ein vor der Küste im Wasser treibendes Miniboot gesichtet und es mit ihrem Fischerboot in den Hafen von Yoroz geschleppt haben. Die daraufhin alarmierte Küstenwache riegelte den Hafen ab und stellte im Inneren der Marinedrohne – vermutlich einer ukrainischen Kamikazedrohne vom Tym „Magura V5“ – Sprengstoff fest. Ein Kampfmittelräumdienst soll die gefährliche Ladung wenig später ordnungsgemäß gesprengt haben. Glücklicherweise wurde bei diesem Vorfall niemand verletzt.
Höchstwahrscheinlich hatte das ukrainische Militär die Kontrolle über die Drohne verloren, die im weiteren Verlauf von der Strömung abgegtrieben und letzten Endes weit weg vom eigentlichen Kriegsschauplatz (russische Schwarzmeerküste) entdeckt wurde. Grund dafür könnte der gegnerische Einsatz von „elektronischen Kampfmitteln“ sein, die sich bislang als sehr wirksam beim Kampf gegen (maritime) Drohnen erwiesen haben.
Bei den Mitteln der elektronischen Kampfführung handelt es sich im Prinzip um Störsender, die die elektronisch unterstützte Führung und Wirkung von Drohnen durch das Stören und Neutralisieren der elektromagnetischen Ausstrahlungen einschränken oder ganz ausschalten sollen. Schafft man es, die Navigation entscheiden zu stören, dann wird die Drohne bewegungslos und somit kampfunfähig. Allerdings gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, dass die elektronische Kampfführung auch die entsprechende Wirkung zeigt, weil die Drohnensysteme immer wieder nachgerüstet werden. Deshalb gilt es, auch die elektronischen Kampfmittel immer weiter zu entwickeln und zu modernisieren.
Titelbild: Ukrainische Seedrone vom Typ „Sea Baby“, 17. Oktober 2025, Ukraine. © AP Photo/Efrem Lukatsky

